Ausflug in die Zukunft – Eine Pilzsauce aus dem 18. Jhd.

Also bevor jetzt jemand fragt: Nein, ich werde dem Mittelalter nicht untreu. Jedenfalls nicht für lange 🙂 Tatsache ist aber, dass ich das Rezept für „Mushroom Ketchup“ schon ausprobieren wollte, als ich es 2012 das erste Mal bei „18th Century Cooking“ gesehen habe.

Es handelt sich dabei um eine You Tube Serie, die von der Firma Townsends herausgegeben wird. Genau genommen ist der ganze Channel Werbung, denn Townsends ist ein amerikanischer Online-Versand für Reenactmentzubehör. Aber es ist sehr gute und mit Herz gemachte Werbung mit viel gut recherchiertem, historischem Hintergrund.

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Küchenorganisation

Heute gab es auf Facebook eine seltsame Frage: Jemand wollte sich einen ‚Anbau‘ für die Lagerküche bauen um Gewürze, etc. aufzuheben. Meine Antwort war: „Ich habe noch nie mit einem ‚Anbau‘ gekocht – ein normaler Tisch ist vollkommen ausreichend. Wenn der Aufwand größer ist, dann eben entsprechend mehr Tische … Alles eine Frage guter Organisation.

Und ich habe mir gedacht, ich nehme das zum Anlass und schreibe hier mal ein bisschen was zur Küchenorganisation. Ich habe inzwischen schon für vier Leute gekocht und für fast 100. Alles nach mittelalterlichen Rezepten und mit mittelalterlichem Werkzeug. (Und IMMER waren Tische ausreichend.)

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Fastenwurst?

Ein kleiner Nachtrag zu meinem Experiment, von dem ich hier geschrieben haben: https://friedrich-und-hildegard.at/2018/03/17/eine-wurst-aus-ei-und-kaese/

Ich habe mir nämlich die Frage gestellt, ob das überhaupt als Fastenspeise durchgeht, wenn da doch Schweinedarm drum herum ist. Hätte man den Darm entfernt?

Meiner Meinung nach wäre das abhängig davon, wie streng man die Fastenregeln ausgelegt hat. Das ist ja auch im Mittelalter verschieden umgesetzt worden und kleine Schummeleien waren sicher üblich. Den Darm schmeckt man ja auch in dem Sinn nicht – da könnte man sicher mit ein wenig theologischem Geschick und Wissen das ‚Schwein‘ wegargumentieren.

Rezeptbücher wie das Liber de Coquine entstanden ausschließlich im Umfeld vermögender Haushalt – von späteren Büchern haben wir auch die Autoren und das sind durchwegs Köche an Fürstenhöfen.  Und an diesen Höfen war das Spielen mit dem Essen sehr üblich – auch im 12. Jhd schon. Einfärben von Speisen, das fantasievolle Gestalten von Pasteten, das Schmücken des Essens, etc … und das passt dann wieder gut mit der Wurst zusammen. Vielleicht könnte man sie als Scherz definieren „Wir haben zwar Fastenzeit aber wir tun mal so als würden wir Wurst essen.“

Im Gegensatz zu normalen Wurstrezepten lässt sich diese Wurst ja auch nicht als Möglichkeit der Haltbarmachung umsetzen. (Wobei es jetzt schon spannend wäre, was passiert, wenn man das Ganze räuchert … )

Eine Wurst aus Ei und Käse

Im Liber de Coquina gibt es ein interessantes Rezept: eine vegetarische Wurst. Natürlich ist diese Art von Gericht vor Allem als Fastenspeise gedacht. Hier zunächst einmal der Text:

„7.58 (Aliter): recipe budellum bene lotum cum aqua calida et sale. Deinde ova debatuta, caseum grattatum, safranum, species et herbas odoriferas tere et misce simul; et hiis budellum impleatur. Postea ponatur ad bulliendum in aqua calida. Deinde assetur in craticula.“

„(Auf andere Art): nimm mit Wasser und Salz gut ausgewaschenen Darm. Dann zerstoße geschlagene Eier, geriebenen Käse, Safran, Gewürze und aromatische Kräuter und vermische sie, und damit wird der Darm gefüllt. Nachher wird es in heißes Wasser zum  Kochen aufgesetzt. Dann wird es auf dem Rost gegrillt.“

(Maier, Robert (HG, Übers.) „Liber de Coquina – Das Buch der guten Küche“ Robert Maier, Freising 2005 – 2017, LC II (7), S. 103)

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„Man hat so viel gewürzt um den Geschmack von verdorbenem Fleisch zu verdrängen.“

Ich habe ja gesagt, dass ich hier auch Gedanken zum Thema posten werde. Sachen, die mir unterkommen, wenn ich über meiner MA-Recherche sitze. Hier ist der erste davon:

Ein Gedanke, den ich gestern hatte: Wir alle wissen ja, dass das „Viele Gewürze gegen den Geschmack von verdorbenem Fleisch.“ Blödsinn ist.
Ich habe mich aber gefragt, wo das her kommt. Jetzt kann es natürlich sein, dass das irgendwann (vielleicht im historikverliebten 19. Jhd) einem inspirierten Herrn aus der Feder geflossen ist.
Was, wenn das Ganze aber schlicht ein Missverständnis oder Übersetzungs- bzw. Überlieferungsfehler ist? Was, wenn es nie geheißen hat ‚verdorbenes Fleisch‘ sondern schlicht ‚altes Fleisch‘ – und zwar nicht im Sinn von schlecht sondern im Sinn von lang gelagert/konserviert.
Denn DAS kann ich mir gut vorstellen: Viele Gewürze gegen den Geschmack von LANG GELAGERTEM Fleisch. Ewig eingesurt, ewig geräuchert, ewig getrocknet, ewig eingesalzen kann das schon zum Hals raushängen und hat – vor Allem nach notwendigem, langem Wässern – wahrscheinlich nicht mehr SOOO den großartigen Geschmack. Besonders, wenn man das schon lange essen musste und wenn man weiß, wie gut dagegen frisches Fleisch schmeckt …