Versuch einer Kücheninventur – Kochutensilien im 12. Jahrhundert

(Beitragsbild: Le sentenze, Pietro Lombardo, Civica Biblioteca Guarneriana, MS 42, Ende 12. Jhd, Pag. 303)

Tatsache ist: über die Küchenausstattung im 12. Jahrhundert wissen wir nicht viel. Wie bei vielen anderen Alltagsthemen ist auch dieses nur als Stückwerk und in Einzelhinweisen fassbar.
Meistens behelfen wir Darsteller uns, in dem wir – ähnlich wie bei den Rezepten – den Zeitrahmen gröber stecken und die gesamte Zeit vom 10./11. Jhd. bis einschließlich des 13. mit einbeziehen, soweit es sinnvoll erscheint.
Aber in diesem Artikel möchte ich mich ganz bewusst auf das 12. beschränken und einfach einmal Bilanz ziehen.

Wo ich mich zeitlich eingeschränkt habe, war ich örtlich eher großzügig – meine Quellen reichen von Norditalien, über Mittel-, bis Westeuopa, einschließlich England und Nordspanien. Ferngehalten habe ich mich vom maurisch beeinflussten Spanien, von Süditalien und Sizilien, von Osteuropa und von Skandinavien.

Außerdem möchte ich wirklich nur über Küchenutensilien sprechen – also jene Werkzeuge, die man zur Speisenzubereitung benötigt.
Das heißt, ich werde das Thema Tafelgeschirr/Besteck großenteils außen vor lassen (abgesehen von einem kurzen Ausflug ganz unten im Artikel).

Was ich zusammengetragen habe, hat natürlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und ich würde mich über jede Rückmeldung freuen, die mich auf Objekte hinweist, die ich übersehen habe.
Ich werde diesen Artikel laufend erweitern und ergänzen.

Originalquellen – Immer kritisch bleiben

Kochbücher
Die einzige Rezeptsammlung, deren Original uns aus dem 12. Jahrhundert vorliegt, ist „Salsamenta Pictavensium“ auch ‚Durham-Rezepte‘ oder  ‚Die Saucen aus Poitou‘ genannt. Dabei handelt es sich um eine Handvoll Saucenrezepte.
Die anderen hier als Quellen verwendeten Kochbücher, der Tractatus-Teil des Liber de Coquina und die früheste Überlieferung des Libellus de Arte Coquinaria, lassen sich lediglich durch stilistische und inhaltliche Details auf das Ende des 12. Jahrhunderts datieren. Wir haben hier also keine unzweifelhafte Einordnung.

Alexander Neckam – De utensilibus (1187)
Alexander Neckam listet in seinem Werk ‚De utensilibus‘ eine ganze Reihe von Werkzeugen auf, die in eine Küche gehören. Da scheint es naheliegend, sich eine Übersetzung zu suchen und darauf aufzubauen.
Aber leider liegt der Teufel auch hier im Detail. Denn Übersetzungen sind nun einmal nicht immer verlässlich.  Mir steht zum jetzigen Zeitpunkt die Übersetzung der entsprechenden Passage in Holmes‘ „Daily Living in the 12th Century“ zur Verfügung sowie die gängigen Latein-Wörterbücher.
Selbst bei einer solchen, recht eindeutig scheinenden, Auflistung bleibt Platz für Interpretation.  Zum Beispiel nennt Neckam ‚Töpfe‘ aber natürlich wird nicht präzisiert, was für Töpfe er meint. Warum auch? Seine Zeitgenossen hätten schließlich gewusst, was er meint.

Bildmaterial
Nur in den allerseltensten Fällen haben wir im zeitgenössischen Bildmaterial tatsächlich einen Koch- bzw. Küchenkontext.
Oft handelt es sich um Darstellungen, in denen Teile der Küchenausstattung als Folterinstrumente herhalten müssen – zum Beispiel Kessel, in denen Sünder oder Heilige gekocht werden.
Ohne Kontext ist es oft genug reine Spekulation ob es sich bei einem dargestellten Gegenstand tatsächlich um ein Küchenutensil handelt.
(Für alle Bilder im Artikel gilt: für größere bzw. vollständige Ansicht bitte anklicken!)

Was den Topf zum Kochen bringt. – Von Feuerstellen und Öfen

Wenn man von Küchenutensilien spricht, muss man zwangsläufig auch über Feuerstellen und Öfen sprechen. Bevor wir also zum tatsächlichen Thema kommen ein kleiner Überblick:

Feuerstellen und Herde
Man kann davon ausgehen, dass es, abhängig vom Zweck, den sozialen Gegebenheiten und Örtlichkeiten verschiedene Formen von Öfen gab.
Hier muss man vor Allem zwischen ’normalen‘ Haushalten und Klöstern bzw. sozial hochstehenden Haushalten unterscheiden.

Bei ersteren geht man üblicherweise von Feuerstellen auf dem Boden aus, wohl in der Mitte des einzigen, bewohnten Raumes. Die Feuerstellen dienten in diesem Fall ebenso der Speisezubereitung wie dem Heizen des Raumes und letzteres ist auch wesentlich effektiver, wenn die Wärmequelle in der Mitte des Raumes ist. Aus bautechnischer Sicht ist ein Herd an der Wand mit einem eigenen Kamin deutlich komplizierter und damit wohl auch teurer.
Allerdings …
Bei der Ausgrabung der Wüstung auf dem Starenberg in Thüringen wurde ein Grubenhaus aus dem 11./12. Jhd freigelegt. In einer Ecke des Grubenhauses lassen sich Spuren eines Kuppelofens nachweisen (vgl. Wehmer) Der genaue Zweck des Ofens lässt sich nicht feststellen, allerdings ist das Grubenhaus nur ca. 12 m² groß und es wurden auch gut erhaltete Reste von Tontöpfen gefunden – eine Nutzung als Kochstelle ist also naheliegend.
Nachdem es sich bei einem Kuppelofen um einen geschlossenen Ofen handelt, konnte man darin evtl. sogar backen, wenn auch auf Grund der Größe wohl nicht sehr viel auf einmal.
Ich persönlich (!) denke, dass es diverse Formen von Öfen gegeben hat. Sowohl Feuerstellen am Boden, als auch Kuppelöfen aber auch Feuerstellen auf aufgemauerten Sockeln.  Letztere sind deutlich bequemer als Feuerstellen am Boden, viele Tätigkeiten lassen sich weit einfacher handhaben. Dazu kommt, dass im Bildmaterial auch Schmiedeessen großteils auf solchen Sockeln dargestellt sind.
Aufgemauerte Sockel für Feuerstellen sind später zweifelsfrei nachweisbar und werden in der Fachliteratur vielfach spätestens ab dem Hochmittelalter als gegeben angenommen – wie so oft ist die Datierung aber schwammig.

Vor allem in großen Klöstern lassen sich oft mehrere Küchen nachweisen – in diesem Fall getrennt nach den Nutznießern. Zum Beispiel: eine Küche für die Mönche, eine für adelige Gäste, eine für Pilger und eine für die Laien im Klosterdienst.
Im Wasserplan des Klosters Christchurch in Canterbury vom Ende des 12. Jahrhunderts ist eine Küche mit acht Kaminen (bzw. Öffnungen für Frischluftzufuhr) eingezeichnet – also ein Gebäude mit mehreren Kochstellen.  Wie diese Kochstellen konkret ausgesehen haben, weiß man nicht, aber da jede von ihnen einen eigenen Kamin besitzt, ist zumindest nicht von ganz primitiven Konstruktionen auszugehen.
Ähnliche, freistehende Küchen mit mehreren Kaminen bzw. ‚Ventilationstürmen‘ gab es auch schon früher, zum Beispiel in den Klöstern Marmoutier bei Tours (10. Jhd) oder Fontevrault (11. Jhd) (vgl. Knapp).

Küche auf dem Wasserplan, Eadwine Psalter, Trinity College, Cambridge, R.17.1, Fol. 284 v, ca. 1150

Ähnlich komplizierte und ausgedehnte Küchen und Kochstellen kann man auch für große Adelssitze annehmen. Auf kleineren hat man sich dann wohl mit entsprechend bescheideneren Varianten zufrieden gegeben.

Backöfen
Geschlossene Öfen (also Backöfen) sind gut nachweisbar. Man findet sie sowohl im Bildmaterial, als auch, zum Beispiel, bei Hildegard von Bingen.
Abgesehen von Brot wurden in diesen Öfen auch Pasteten oder Kleingebäck, wie etwa Brezeln gebacken. Außerdem nutzte man den Backofen zum Schmoren oder Braten, sowie zum Trocknen von Lebensmitteln.

Backofen, Gregorius Magnus, Belgische Nationalbibliothek, ms.9916-17, 1150 – 1175

Kugeltöpfe, heiße Mörser und das Wunder vom Sieb – Küchenutensilien in Wort, Bild und Fund

Der folgenden Auflistung möchte ich ein Zitat aus dem Werk von Anne Schulz voranstellen:
Œ“Im Überschlag dürfte ein Haushalt gegen Ende des 12. Jahrhunderts an Metallgeräten – sieht man vom Eisengerät ab – kaum mehr als 1 bis 2 Kilo besessen haben, ein Haushalt im dritten Viertel des 14. Jahrhunderts dagegen 20 bis 100 Kilo und noch darüber hinaus.“
Es ist also für das 12. immer  Keramik und Holz vor Metall anzunehmen – abhängig von sozialem Status, Größe und Reichtum des Haushalts.

Kessel
Kessel gibt es im Quellenmaterial in hängender und stehender Ausführung.

Hängekessel
Hängende Kessel werden immer mit rundem Boden dargestellt und haben halkreisförmige Henkel.  Was den Henkel angeht, entsprechen die Abbildungen auch einem Fund aus Schleswig, der um 1200 datiert ist (vgl. Saggau).

Kessel, Kette, Haken, Vita et miracula s. Quintini, SAINT-QUENTIN, Bibliothèque municipale, Dépôt, basilique Saint-Quentin 1 , 12. Jhd.

Interessant in dem  Zusammenhang sind auch die Ketten der  Kessel. Im Bildmaterial zu finden und in Funden noch deutlicher zu sehen sind Ketten, die statt herkömmlicher, runder Kettengliedern stangenförmige Glieder haben, üblicherweise mit Ösen oder Haken an den Enden. Solche Stangenkettenglieder aus dem 12. Jhd. finden sich zum Beispiel im Fundgut aus Schleswig (vgl. Saggau).
Abgesehen von den Kettengliedern ist im untenstehenden Bild auch die Aufhängevorrichtung beachtenswert – eine simple, rechteckige Konstruktion.

Kessel, Kette, Aufhängung, Altarfront, Kapelle St. Quirc, Durro, Mitte 12. Jhd.

Bei großen Kesseln – hängend oder stehend – wären, abgesehen von einer Anwendung in großen Haushalten, auch zum Beispiel Wurstkessel denkbar. Solche Kessel, die nach dem Schlachten zur Verarbeitung von Wurst und größeren Mengen Fleisch benötigt werden, könnten einer ganzen Dorfgemeinschaft gehört haben.
Allerdings wären ebenso Färber-, Brau- oder Waschkessel denkbar.

Stehende Kessel
Es gibt einen existierender Fund von einem Kessel mit flachem Boden. (vgl. Schulz)
So ein Kessel ist auch auf folgender Darstellung zu sehen, die den Kessel auf einem Rost stehend zeigt:

Kessel mit flachem Boden auf Rost, Blatt aus dem Eadwine Psalter, The Morgan Library and Museum, MS M.521v, ca. 1155 – 1160

Sehr selten findet man im Bildmaterial auch Kessel mit Füßchen, die an die Grapen aus dem 13. Jhd erinnern. Diese Form ist aber für das 12. im Fundgut nicht nachweisbar.

Kessel mit Füßchen, Passionale, pars hiemalis, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Cod.bibl.fol.57, 1120 – 1125, Fol. 57v

Tontöpfe
Für den normalen Haushalt dürften Tontöpfe am Üblichsten gewesen sein. Im Gegensatz zu Kesseln werden sie nicht über dem Feuer hängend verwendet, sondern neben oder direkt in die Glut gestellt. Ich persönlich bin ein großer Fan vom Kochen im Tontopf, weil ein Topf, der ordentlich in der Glut steht, kaum kippen kann und für so ziemlich alles vom Wärmen von Wasser bis zum stundenlangen, langsamen Köcheln von Fleischgerichten verwendbar ist. Außerdem ist es die mit Abstand am Wenigsten aufwändige Art mittelalterlich zu kochen – schließlich braucht man nichts außer einem Feuer und dem Topf.
Die bei weitem bevorzugte Form im 12. Jahrhundert ist der sog. Kugeltopf. Er weist über den deutschen Raum verteilt leicht abweichende Formen auf (vgl. Schulz), aber grundsätzlich handelt es sich immer um einen Topf mit stark kugeligem Bauch und ohne Füßchen. Und hier sieht man auch den größten Unterschied zwischen dem 12. und dem 13. Jhd – und einen der Gründe, warum ich mich in diesem Artikel auf das 12. beschränken möchte. Wo im 13 schon früh die klassischen Grapen mit Füßchen auftauchen, haben wir es im 12. noch fast ausschließlich mit Kugeltöpfen zu tun.
Auch im Fundgut sind Kugeltöpfe sehr gut vertreten. Einige davon findet man im Katalog zu „Zeit d. Staufer“, Bd. I.

Meine Kugeltöpfe, Hergestellt von Anna Axtmann

Dies sind meine beiden neuesten Kugeltöpfe. Sie entstanden im Zuge eines experimentalarchäologischen Brandes in einer Replik eines Brennofens aus dem 12. Jhd. Hergestellt wurden sie von Anna Axtmann

Schutzkappengefäße
DAS ist eine besonders interessante Sache, die ich hier aufgreifen möchte, weil sie auch mir komplett neu ist. Sog. Schutzkappengefäße sind Tongefäße mit rundem Boden, die an zwei oder drei Stellen des Randes besonders gestaltete Ösen aufweisen:

Schutzkappengefäß – Bild: René Schwab (entnommen aus dem untenstehenden Artikel von Uwe Gross, 1991)

Diese besonderen Gefäße kommen häufig im Fundgut des Frühmittelalters vor (zum Beispiel in Haithabu), sind aber auch für das Hochmittelalter nachweisbar, etwa durch Funde in Mannheim und München.
Man sieht gut, dass es sich nicht um normale Hängegefäße handelt, wie sie,  zum Beispiel, für die Vorratshaltung verwendet werden.

Lt. dem u. a. Artikel von Uwe Gross waren diese Töpfe eine billige Version der sehr teuren Metallkessel mit Metallketten. Die besonderen Tüllen sollten die nicht-metallische Aufhängungen, also die Seile, davor bewahren, durchzubrennen.
In Abbildungen findet man diese Spielart nicht, was aber auch nicht besonders verwunderlich ist, weil Gegenstände aus dem Leben sozial niedriger stehender Personen so gut wie gar nicht abgebildet werden.

Pfannen aus Metall
Im Fundmaterial sind Pfannen aus Metall leider nicht zu finden, allerdings werden sie in den zeitgenössischen Kochbüchern durchaus erwähnt (zum Beispiel im Tractatus) und auch im Bildmaterial sind sie zu finden.
Auch Alexander Neckam erwähnt die Pfanne als notwendiges Küchengerät.

Pfanne, Passionale, pars aestivalis, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Cod.bibl.fol.56, 1125 – 1130, Fol 93v

Keramikbräter und -pfannen
Interessant fand ich folgende Aussage bei Schulz:
„Nachgewiesen sind als Kochgerät bzw. zum Schmoren und Braten (bevorzugt von Fleisch oder Fisch?) auch flache Bräter, die nach oben hin offen oder mit einem Deckel versehen (Prinzip des heute noch gebräuchlichen ‘’Römertopfes‘) in oder nahe an der Glut eines Herdes sowie auch in einem Backofen zum Garen benutzt werden konnten.“

Im Fundgut sind solche Gefäße nachweisbar, im Bildmaterial wären sie mir bisher noch nicht untergekommen.
Laut Anna Axtmann  würden solche Bräter zumindest nicht springen, wenn man sie in die Glut stellt. Eine Verwendung wie von Schulz angenommen wäre also möglich. Eine Keramikpfanne wäre jedenfalls auch um einiges preiswerter als eine aus Metall.
Im Tractatus wird ein Huhn ‚in trapa‘ (in der Höhle) gekocht. Maier hält das für einen solchen Keramikbräter mit Deckel.

Wenn man also von so einem Tongefäß mit Deckel ausgeht, hätte man auch eine Art improvisierten Backofen – besonders, wenn man die Glut auch auf dem Deckel verteilen kann.

Dreibeine/Pfannenroste/Pfannenknechte
Alexander Neckam „De utensilibus“:  „In coquina sint olle, tripodes […]“ – Übersetzung bei Urban Tigner Holmes: „There [in a kitchen] should also be pots, tripods [..]“

Tripodes also … als moderner Mensch würde man bei diesem Text wohl zuerst auf ein herkömmliches Dreibein schließen, wie man es auch beim Campen verwendet.
Ich halte es aber für äußerst unwahrscheinlich, dass so etwas bei Neckam gemeint ist. Zunächst einmal, weil es in einer Küche kaum etwas unpraktischeres als diese Dreibeine gibt. Sie brauchen enorm viel Platz und bieten für nur ein Gefäß Halt. Selbst wenn man nur ein Gefäß benötigt und keine ausgebaute Herdstelle zur Verfügung steht, wie das in einem einfachen Haushalt des 12. Jhds. der Fall sein konnte, würde man sehr viel eher einen Tontopf in die Glut stellen. (Bei allem, was Neckam aufzählt, denke ich übrigens, dass wir es bei seinem Text definitiv mit einer Küche in einem sozial hochgestellten Haushalt zu tun haben.)

Die zweite Annahme, die ich dazu gefunden habe, entspricht der häufigsten Übersetzung, wie sie auch in diversen deutsch-lateinischen Wörterbüchern vorkommt. „Kessel mit drei Füßchen“.
Auch diese Übersetzung halte ich für problematisch. Kessel mit Füßchen kommen vor (siehe oben), sind aber selten. Außerdem wäre das seine sehr große Investition, die sicher nicht in jeder Küche herumgestanden hat. Und Neckam spricht ja von dem was in eine Küche gehört, also üblich war.

Und dann kommt ein Punkt, der sowohl für das klassische Dreibein als auch für den Kessel gilt: Neckam sagt ‚tripodes‘ – also Mehrzahl. Mehrere von diesen Objekten gehören seiner Meinung nach in eine Küche. Was sollte man mit mehr als einem Dreibein anfangen? Und vor Allem: wo sollte man mehr als eines hinstellen?
Und mehr als ein Kessel mit Füßchen wäre sogar noch unwahrscheinlicher als ein einzelner.

Tatsächlich denke ich, dass Neckam das meinte, was man heutzutage ebenfalls als Dreibein aber auch als ‚Pfannenrost‘ oder ‚Pfannenknecht‘ bezeichnet. Also ein niedriges Dreibein, das als Abstandshalter zwischen Feuer bzw. Glut und dem Topf gedacht ist.
Diese metallenen Küchengeräte können je nach Bedarf ohne Aufwand versetzt werden und machen eine Feuerstelle so sehr platzsparend und effektiv nutzbar.
Mehrere von solchen Dreibeinen zu haben wäre außerdem sehr nachvollziehbar.
Es gibt solche Stücke im Fundmaterial, zum Beispiel in London, allerdings später datiert (vgl. Egan).
Im Bildmaterial lässt sich der Pfannenknecht hier nachweisen:

Pfannenknecht mit Pfanne, Terentius, Comoediae, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat.lat.3305, 1101 – 1125, Fol. XI v

Bratspieße
„Wenn in der mittelalterlichen Küche etwas Größeres gebraten wurde, wurde hierzu i. d. R. ein Bratspieß über dem offenen Feuer oder der heißen Glut verwendet, und auch aus Metall und möglicherweise aus Holzruten gefertigte Bratroste wurden genutzt.“ (vgl. Schulz)
Hier ist zu beachten, dass das Bratgut niemals direkt über, sondern neben dem Feuer gebraten wurde.  Darunter wurde häufig auch eine Fettpfanne platziert um Fett und Saft aufzufangen. (Das Gefäß auf dem untenstehenden Bild dürfte allerdings ein Serviergefäß sein.)
Spieße kommen in der Kochbuchliteratur und auch bei Neckam vor.

Geflügel am Spieß, Civica Biblioteca Guarneriana, Ms. 42, S. 303, Ende 12. Jhd.

Roste
Die Roste, die man im Bildmaterial findet, sind große Standroste. Sie würden sich für Pfannen eignen, aber, wie oben erwähnt, auch für Töpfe.
Neckam erwähnt Roste ebenfalls -allerdings auch hier ohne zu präzisieren.

Rost, Canterbury Psalter, Galica, Bibliothèque national de France, 1176 – 1200, Fol 56v

Blasebalge
Auch in einer der Stuttgarter Passionale gibt es einen Rost, allerdings fand ich hier den Blasebalg interessanter. Ein Werkzeug um das Feuer zu entfachen ist in jeder Küche sinnvoll.
Ich nehme an, dass es auch dazu Funde geben wird, allerdings konnte ich keine finden. Evtl. wären hier eher Funde im Zusammenhang mit Schmieden gefragt.

Rost, Passionale, pars aestivalis, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Cod.bibl.fol.56, 1125 – 1130, Fol 60v

Mörser
Mörser sind DIE Küchenmaschinen des Mittelalters. Entsprechend gut sind sie belegt. Man findet sie in jeder Rezeptsammlung ebenso wie als Werkzeug bei Hildegard und bei Alexander Neckam.
Interessanterweise wird im Libellus de Arte Coquinaria ein erhitzter Mörser zur Herstellung von Nussöl erwähnt.
Der größte Teil der benutzten Mörser dürfte aus Stein gewesen sein – jedenfalls lassen das die Funde (z. B. aus York) vermuten. Das macht es aber auch sehr schwierig, die Funde zeitlich korrekt einzuordnen. Ein Steinmörser könnte sehr lange in einem Haushalt verwendet worden sein bevor es notwendig geworden ist, ihn zu ersetzen.
Interessanterweise gibt es deutlich weniger Funde von Stößeln aus Stein – daraus lässt sich schließen, dass die Stößel aus weniger haltbarem Material, also etwa aus Holz, gewesen sein könnten (vgl. Ottaway).
Eindeutig belegbar sind Holzmörser – so einer scheint nämlich in einer Auflistung zu Abgaben an die Benediktinerabtei Corvey im späten 12. Jhd auf. (vgl. Schulz)
Zeitgenössisches Bildmaterial gibt es leider kaum. Ich konnte nur etwas finden, was ich (!) evtl. als großen Standmörser sehen würde – in diesem Fall im medizinischen Kontext.
In der Küche wären solche großen Mörser aber ebenfalls denkbar, besonders zur Verarbeitung von, zum Beispiel, größeren Mengen Mandeln für Mandelmilch.

Standmörser (?), Medical miscellany of a pharmacopeial compilation, British Library, Harley 1585, 1175 – 1200, Fol 7v

Aber ob das obenstehende Bild nun einen Mörser zeigt oder nicht, zu beachten wäre, dass ein Mörser in der Küche mit ziemlicher Sicherheit nicht diese Form gehabt hätte. Die Funde, die uns vorliegen, zeigen eine einfache Schalenform, zum Teil verstärkt durch Rippen bzw. Auskragungen an der Außenseite (um die Struktur zu stärken und/oder um das Festhalten des Mörsers zu erleichtern). Folgende Seite habe ich dem unten zitierten Werk von Patrick Ottaway entnommen. Die Funde werden ins 13. Jhd datiert.

Mörser, 13. Jhd. – Ottaway, Patrick, Nicola Rogers „Craft, Industry and Everyday Life – Finds from Medieval York“

Siebe und Seihtücher
Beides lässt sich zweifelsfrei für das 12. belegen.
Dass man Flüssigkeiten durch ein Tuch schlagen oder abseihen soll, kommt zum Beispiel bei Hildegard von Bingen vor. Im Libellus de Arte Coquinaria wird auch ein Stoffsack erwähnt um Mandelmilch abzuseihen. Und auch in den Durham-Rezepten wird des öfteren abgeseiht.
Konkret das Mehlsieb nennt Alexander Neckam.
Auf dem folgenden Bild repariert der Heilige Benedikt das kaputte Sieb seiner Amme durch ein Wunder:

Haar- und Durchschlagsieb, Gregorius Magnus, Belgische Nationalbibliothek, ms.9916-17, 1150 – 1175

Zu sehen sind ein Haarsieb (wie es heute noch zum Sieben von Mehl verwendet wird) und ein Durchschlagsieb.
Hier wäre zu beachten, dass die dargestellten Siebe außer für den Einsatz in der Küche ebenso gut zur Milchverarbeitung gehören können.
Dabei würde man ein Haarsieb zum Filtern von Milch ebenso brauchen wie ein Durchschlagsieb, in das der Käse hineingepresst wird, damit die Molke abfließen kann. Besonders die flache Form des Durchschlagsiebes lässt mich eher an Käseherstellung als einen Einsatz in der Küche denken.

Zu Sieben gibt es auch einige Funde: „Zuweilen wird auch Keramik geborgen, deren besondere Form oder Gestaltung auf eine spezielle Funktion im Haushalt hinweist, wie z. B. Seiher mit einem Boden, der mit Löchern versehen ist. Ein weiteres Beispiel bietet der Fund einer Schüssel mit etwa 40cm Durchmesser in Erfurt, in deren Seitenwandung sich knapp über dem Boden ein Loch befindet. Derartige Schüsseln wurden bei der Quarkherstellung eingesetzt“ (vgl. Schulz)

Trichter
Ich konnte Trichter nur im Bildmaterial finden und dort nur im Zusammenhang mit der Weinherstellung.
Da aber in der Küche vielfach auch Krüge als Lagergefäße verwendet wurden, die man ja auch irgendwie befüllen musste (ganz zu schweigen von der Wurstherstellung), scheint es mir nützlich, den Trichter hier aufzunehmen.
Im Fundgut gibt es keine erhaltenen Trichter.
Folgendes Bild mit Dank an meinen Vereinskollegen von der IG Wolf, Carlo Niato 🙂

Trichter – The Hunterian Psalter – MS Hunter 229 (U.3.2) – c. 1170, Fol. 5v

Butterfässer
Weil es oben gerade um die Milchverarbeitung ging, hier noch eine sehr schöne Darstellung eines Butterfasses. Solche hohen, schmalen Butterfässer, mit Stößel und Deckel gibt es noch bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts.

Eadwine Psalter, Trinity College, Cambridge, R.17.1, Fol. 270 v, ca. 1150

Schneidbretter
Ein vernachlässigtes aber extrem wichtiges Küchengerät ist das simple Schneidbrett. Es lässt sich leider weder im Fundgut noch im Bildmaterial zweifelsfrei nachweisen. Allerdings wird es im Tractatus (Liber de Coquina) erwähnt, im Abschnitt 5.3. – Lauchgemüse:
„Post, aqua expressa, haccabis in assere vel mortario cum sale debito modo  et pone in patella vel potto ciprio et superasperge aliquantulum aceti.“
(„Danach hacke ihn, nachdem du das Wasser ausgepreßt hast, mit  ausreichend viel Salz auf einem Brett oder im Mörser klein und gib ihn in eine Pfanne oder einen kupfernen Topf und träufle ein wenig Essig darüber.“)

Reiben
Dazu gibt es leider nur Erwähnungen in Kochbüchern. Dort sollen Käse oder Brot ‚gerieben‘ werden. Welches Werkzeug benutzt wird, wird allerdings nicht erwähnt. Am Naheliegendsten wäre es, dass mit ‚reiben‘ hier das Zerreiben im Mörser gemeint ist.
Möglich wären auch dezitierte Reibschalen – also Schalen, die beim Töpfern innen mit kleinen Steinchen versehen werden um eine raue, ‚reibfähige‘ Innenseite zu erhalten. Solche Reibschalen sind auf jeden Fall im Frühmittelalter nachweisbar (vgl. Gross 1990)
Denkbar wären auch simple durchgestanzte Reiben wie sie  in der Renaissance nachweisbar sind. Ein Hinweis darauf könnte ein Fund aus London aus dem 12. Jhd. sein. Es handelt sich um ein Fragment einer Scheibe aus einer Kupferlegierung, in die Löcher gestanzt wurden und – und das ist hier wichtig – bei dem die Stanzreste aus Metall nicht entfernt wurden. In der Publikation wird das Stück als nicht fertiggestelltes Durchschlagsieb angesprochen. (vgl. Egan)
Aber die nicht entfernten Metallteile würden genauso funktionieren wie spätere gestanzte Reiben. Allerdings spricht gegen so eine Nutzung, dass Kupfer an sich ein weiches Metall ist, das etwas wie einem harten Käse oder hartem Brot wenig entgegen zu setzen hätte – es wird leider nicht erwähnt, um was für eine Legierung es sich handelt.

Schalen, Schüsseln, Krüge und Kannen aus Metall und Keramik
Auch Schalen und Kannen gehören natürlich in eine mittelalterliche Küche. Allerdings möchte ich mich an dieser Stelle nicht allzu lange damit aufhalten, dann diese Objekte sind in den Handschriften und Fundberichten sehr leicht zu finden.

Zu Kannen sagt Schulz etwa „Auch irdene Krüge und Kannen gehörten zum Haushalt des Mittelalters. Sie wurden in vielen Formen und Größen hergestellt, verfügten über Henkel und einen runden Rand, der auch mit einer Gusslippe versehen sein konnte. Viele Kannen sind mit Gusstüllen ausgestattet, die am Gefäßkörper angesetzt wurden.“ (vgl. Schulz)

Kanne, Passionale, pars tertia, Württembergische Landesbibliothek Stuttgart, Cod.bibl.fol.58, 1130 – 1135, Fol 19r

Daubengefäße
Daubengefäße werden in der Darstellung viel zu oft vernachlässigt. Eimer, Bottiche oder Fässer sind dem modernen Menschen ja noch geläufig, aber Daubenschalen und -becher sind schon deutlich exotischer.
„Aus Dauben wurden nicht nur Fässer und Eimer gefertigt, sondern besonders auch kleinere Gefäße wie (flache) Schalen und Näpfe sowie Trinkgefäße mit höherer Wandung. Dort, wo sich die Erhaltungsbedingungen für organisches Material im Boden günstig gestalteten, so bei feuchtem Grund und bei Kloaken-/Latrinenfunden, haben sich einzelne Dauben und sogar ganze Gefäße in oft hohen Stückzahlen erhalten. […] Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß hölzerne Daubenschalen während des späten 12. und 13. Jahrhunderts die am häufigsten verwendete Gefäßform der (des) dazugehörigen Haushalte(s) waren.“ (vgl. Schulz)
Bilder solcher Funde finden sich zum Beispiel im Ausstellungskatalog zu „Heinrich der Löwe und seine Zeit“.

Sogar noch etwas ungewöhnlicher für moderne Augen sind Daubenkannen.
Eine Kanne, die ganz genauso aussieht wie auf den untenstehenden Bild, wurde im Brunnen der Runneburg gefunden, wenn diese Kanne auch mit 1250 datiert ist (vgl. Stolle).

Daubenkanne, „Pamplona-Bibel“, UB Augsburg, Cod.I.2.4.15, Fol. 14v, um 1200
Fässchen, Bottiche und Eimer
Natürlich benötigt jede Küche eine Unzahl von Gefäßen verschiedenster Art. Sei es zur Vorratshaltung, zum Transport, zur kurzzeitigen Lagerung oder für den laufenden Küchenbetrieb.  Alexander Neckam nennt mehrere verschiedene – vom Bronzegefäß über eine Schüssel bis zum Bottich um Fische einzulegen.
Große Fässer sind allgemein bekannt und finden sich in vielen Bildern. Aber etwas Außergewöhnlicheres ist dieses tragbare Daubenfässchen.
Fässchen, Eadwine Psalter, Trinity College, Cambridge, R.17.1, Fol. 010 r, ca. 1150
Eimer sind essentiell wichtig. Wasser in der Küche ist unverzichtbar und ich weiß aus eigener Erfahrung, wie viel Wasser bei der Verpflegung einer größeren Anzahl von Personen verbraucht wird. Auch von Eimern gibt es eine ganze Reihe von Funden. Hier ein Beispiel für einen zeitgenössischen Eimer aus der Schweiz:
Eimer und Brunnen, Deckengemälde, Kirche St. Martin, Zilis, Schweiz, um 1114 – Bild privat

Kochlöffel
Zum Umrühren kann man natürlich eine Menge Gerätschaften verwenden. Im Fundgut von London wird ein ovales Fragment aus dem 12. Jhd, bei dem der Griff fehlt, als Spatel zum Umrühren angesprochen (vgl. Egan) – das würde auch zu dem „contus“ bei Neckam passen („stirring stick“ bei Holmes, „Paddel“ in der modernen Übersetzung).
Aber ein besser erhaltenes Exemplar findet sich im Ausstellungskatalog zu
„Die Zeit der Staufer“, nämlich ein erhaltener Kochlöffel mit 42,5 cm Länge aus Buche, datiert auf das 11./12. Jhd. Leider gibt es im Katalog keine Abbildung, so dass man sich mit der Beschreibung begnügen muss.
Im zeitgenössischen Bildmaterial habe ich ebenfalls noch keinen Kochlöffel finden können.

Sieblöffel

Neckam erwähnt – unabhängig vom Umrührwerkzeug – auch ganz dezitiert einen Löffel um Schaum abzuschöpfen. Heutzutage würde man dafür einen gelochten oder Sieb-Löffel benutzen (solche Löffel sind für das 13. Jhd nachweisbar – zum Beispiel wird ein gelochter Löffel im jüngeren Teil des Liber de Coquina erwähnt).
Neckams Angabe ist – zugegebenermaßen – etwas dünn. Ich lasse es trotzdem vorläufig stehen.

Schöpflöffel
Hier lasse ich zunächst Anne Schulz das Wort: „Ein wegen seines Erhaltungszustandes und seiner Funktion bemerkenswerter Fund stammt aus der Motte bei Hause Meer. Es handelt sich um eine große Schöpfkelle aus getriebenem Eisen mit langem, oben umgebogenem Stiel, die in die Zeit zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert datiert wird. Aufgrund der Größe des Stücks – es ist 67cm lang, der Durchmesser der Schale beträgt 21cm – wird es für möglich gehalten, dass dieses Gerät auch als Pfanne benutzt wurde.“
Da das abgebildete Objekt einen abgerundeten Boden hat und eine unten runde Pfanne nur sehr eingeschränkt nutzbar wäre,  würde ich eher zur ursprünglichen Deutung als Schöpfkelle tendieren (wenn es auch tatsächlich eine SEHR große Schöpfkelle für entsprechend große Mengen wäre – sie könnte evtl. auch beim Brauen verwendet worden sein).
Im Bildmaterial findet man die Kelle ebenfalls und zwar hier  (man beachte auch den interessanten Kessel)
Pfannenknecht mit Kessel und Schöpfkelle, Terentius, Comoediae, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vat.lat.3305, 1101 – 1125, Fol. IX v

Fleischhaken
Auf dem folgenden Bild trägt jemand (vierte Person von links) einen Fleischhaken als Waffe. Auch in anderen Handschriften kann man immer wieder solche und ähnliche Haken entdecken.
Im Fundgut in Schleswig finden sich Fleischhaken für das 12. Jhd (vgl. Saggau), ebenso in York (vgl. Ottaway) , in London findet man sie ebenfalls, dort sind sie deutlich später datiert, die Form ist allerdings exakt die Selbe (vgl. Egan).

Fleischhaken, Comedies of Terence, Bodleian Library MS. Auct. F. 2. 13, 1150, Fol 55v

Ein kleine Erklärung zu der seltsamen Form: Die Haken sind im 90-Grad-Winkel zum Stiel angebracht. Wenn man große Fleischstücke aus einem vergleichsweise instabil über einem Feuer hängenden oder stehenden Kessel heben muss, möchte man nicht gezwungen sein, das Fleischstück gegen den Topfrand zu pressen, wie das mit einer heutigen, geraden Fleischgabel der Fall wäre. Mit den seitlich gelagerten Zacken kann man das Fleischstück dagegen durch eine simple Drehung mit dem Handgelenk und durch das Eigengewicht des Stückes aufspießen und sicher aus dem Kessel heben.

Messer
Es ist bestimmt aufgefallen, dass ich auf das bis heute wichtigste und prominenteste Küchengerät NICHT eingegangen bin: Das Messer.
Messer sind ein ganz eigenes Thema, bei dem sich andere Leute sehr viel besser auskennen als ich. Einer davon ist ein geschätzter Freund und Darstellerkollege: Nikolaus Hofbauer von der IG 14. Jahrhundert.
Zum Glück macht er nicht nur Messer für die Gotik sondern auch welche für die Romanik (also für mich 😀 )  und daher überlasse ich lieber ihm das Wort zum Thema Messer
Meine Messer, Hergestellt von Nikolaus Hofbauer, IG 14. Jahrhundert

Zwei kleine Exkursionen zu Essgeschirr und Besteck

Deckelgefäße
Schulz schreibt von ‚Deckelgefäßen‘ (sog. Scheuer oder Maserbecher), die sich für das gesamte Hochmittelalter nachweisen lassen. Ich fand das sehr spannend, weil mir das bisher völlig unbekannt war.
Es gibt zu dieser Aussage bei Schulz leider kein Bild mit Deckel – lediglich eines aus dem 13. Jhd, aus dem getrunken wird.
Aber auf sehr, SEHR vielen Darstellungen des letzten Abendmals, der Hochzeit von Kanaan oder sonstigen Festessen sind Gefäße mit Deckeln dargestellt, die auf dem Tisch stehen. Ich  habe diese Gefäße immer für Behälter für die im Mittelalter unverzichtbaren Senfe und Saucen gehalten.
Lag ich damit falsch? Abgesehen von dem Hinweis bei Anne Schulz bin ich kürzlich auf folgende Darstellung gestoßen:

Deckelgefäß, Bible, Gallica, Bibliothèque national de France, Latin 11534-11535, Ende 12. Jhd. Fol. 181 v

Kelch und Deckel sind klar erkennbar und beides sieht genauso aus wie die Gefäße in den anderen, oben erwähnten Tafel-Darstellungen. Leider trinkt der Herr auf dem Bild nicht daraus, aber es scheint mir auch sehr weit hergeholt, dass man ihm Senf oder Sauce reichen sollte.

Esslöffel
Löffel sind so ein Thema bei der Darstellung im 12. Jhd. Tatsache ist nämlich, dass man auf keiner (!) Tafeldarstellung einen Löffel findet.
Das ist seltsam, weil es keinen Zweifel gibt, dass man sie verwendet hat.
Die gängige Theorie ist, dass der Löffel für Eintöpfe und Breie steht – also für Essen, das eher für die niedrigeren Schichten typisch ist. Natürlich gab es diese Speisen auch in sozial hochgestellten Haushalten – die Kochbücher sind voll davon. Nur – sie waren eben nicht besonders repräsentativ, daher hat man sie auf Bildern lieber weggelassen um keine ’niedrigen‘ Speisen zu suggerieren.
Daher freut sich unsereins immer besonders, wenn es doch mal ein Bild von einem Löffel gibt.

Löffel, Festevangelistar, Badische Landesbibliothek, St. Peter, Perg. 7, um 1200 Fol. 10v

Fazit:

Was habe ich also bei meiner Inventur alles gefunden?

– Feuerstellen
– Backöfen
– Kessel hängend
– Kessel stehend mit flachem Boden
– Kessel stehend mit Füßchen
– Kesselketten
– Kesselaufhängungen
– Kugeltöpfe
– Schutzkappengefäße
– Pfannen aus Metall
– Bräter und Pfannen aus Keramik
– Dreibein / Pfannenrost
– Bratspieße
– Roste
– Blasebalge
– Mörser
– Siebe und Seihtücher
– Trichter
– Butterfässer
– Schneidbretter
– Reiben (?)
– Schalen, Schüsseln und Kannen aus Keramik, Metall und Holz
– Daubengefäße – Kannen, Fässchen, Eimer, Schalen
– Kochlöffel
– Schöpflöffel
– Sieblöffel (?)
– Fleischhaken
– Messer
– Deckelgefäße
– Esslöffel

Auch wenn man weiß, dass diese Liste sicher nicht vollständig ist … wenn ich mir das so ansehe, stelle ich fest, dass wir das Inventar einer voll funktionsfähigen Küche haben.
Wer schon einmal mit mittelalterlichem Gerät und unter mittelalterlichen Bedingungen gekocht hat, weiß, dass man für alles mehr Leute und mehr Zeit benötigt. Aber mit der obigen Liste würde ich mir durchaus zutrauen auch aufwändigere Mahlzeiten für eine größere Anzahl Personen auf den Tisch stellen zu können.

Änderungen:

EDIT 1: 28.05.2020
Dreibein/Pfannenrost
Hinzufügen Neckam zu div. Einträgen
Trichter

EDIT 2: 05.06.2020
Bilder zu Dreibein/Pfannenknecht eingefügt

—-

Verwendete Literatur
  • Wehmer, Markus „Eine Siedlung des 11. bis 13. Jahrhunderts auf dem Starenberg bei Kleinwechsungen, Landkreis Nordhausen“ in: Geschichts- und Altertumsverein  Museum Tabakspeicher, Stadtarchiv „Beiträge zur Geschichte aus Stadt und Kreis Nordhausen“ 36. Band, 2011
  • Gross, Uwe „Vom Versuch einen tönernen Kochkessel nachzuahmen“ in:
  • „Denkmalpflege in Baden-Württemberg – Nachrichtenblatt des Bundesdenkmalamtes“, 20. Jahrgang, Juli – September, 3 / 1991
  • Gross, Uwe „Frühmittelalterliche Reibschüsseln und Reibschüsselderivate“ In: Archäologische Informationen Nr. 13, Heft 2, 1990
  • Damminger, Folke, Uwe Gross „Zur Ausgrabung und Erforschung einer Wüstung in Mannheim-Vogelstang. – Ein Beitrag zur früh- und hochmittelalterlichen Siedlungsgeschichte am unteren Neckar“ in: Biel, Jörg (Hrsg.) „Landesarchäologie: Festschrift für Dieter Planck zum 65. Geburtstag“ Stuttgart, 2009
  • Egan, Geoff, „The Medieval Household – Daily Living c. 1150 – 1450 – Medieval Finds from Excavations in London“, Boydell Press in Association with Museum of London, Woodbridge, 2010
  • Saggau, Hilke Elisabeth „Mittelalterliche Eisenfunde aus Schleswig – Ausgrabung Schild 1971 – 1975“ Wacholz, Neumünster, 2000
  • Ottaway, Patrick, Nicola Rogers „Craft, Industry and Everyday Life – Finds from Medieval York“ The Archaeology of York – The Small Finds 17/15, York Archaeological Trust, 2002
  • Stolle, Thomas „Die Holz- und Lederfunde aus dem romanischen Brunnen der Runneburg und ihr Vergleich mit Abbildungen aus der Zeit um 1300“ (Ich habe diesen Artikel nur isoliert vorliegen, daher ist die Literaturangabe leider unvollständig.)
  • Knapp, Ulrich „Küchen im Kloster. Orte der Speisenzubereitung in Klöstern unter besonderer Berücksichtigung südwestdeutscher Beispiele“ Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit Bd. 19 (2007): Mitteilungen der DGAMN: Küche – Kochen – Ernährung
  • Schulz, Anne „Essen und Trinken im Mittelalter (1000 – 1300)  – Literarische, kunsthistorische und archäologische Quellen“ Ergänzungsband zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Bd. 74, De Gruyter, Berlin/Boston, 2011
  • Haussherr, Reiner (Hrsg.) „Die Zeit der Staufer – Geschichte – Kunst – Kultur, Band 1“, Württembergisches Landesmuseum, Stuttgart, 1977
  • Väterlein, Christian (Hrsg.) „Die Zeit der Staufer – Geschichte – Kunst – Kultur, Band 2“, Württembergisches Landesmuseum, Stuttgarrt, 1977
  • Luckhardt, Jochen, Franz Niehoff (Hrsg.) „Heinrich der Löwe und seine Zeit – Herrschaft und Repräsentation der Welfen 1125 – 1235, Band 2“, 1995
  • Grewe, Rudolf (Ed.), Constance Hieatt (Ed.) „Libellus De Arte Coquinaria: An early Northern Cookery Book“ Medieval and Renaissance Texts and Studies, Bd. 222, Arizons Center for Medieval and Renaissance Studies,  2001
  • Gasper, Giles, Faith Wallis „Salsamenta pictavensium: Gastronomy and Medicine in Twelfth-Century England“ The English Historical Review, Volume 131, Issue
  • Maier, Robert (Hrsg, Übers.) „Liber de Coquina – Das Buch der guten Küche“ F. S. Friedrich Verlag, Frankfurt 2005
  • Riha, Ortrun (Übers.) „Ursprung und Behandlung von Krankheiten: Causae et Curae“ Hildegard von Bingen – Werke, Abtei St. Hildegard, Eibingen, Beuroner Kunstverlag, 2011
  • Holmes, Urban Tigner, „Daily Living in the Twelfth Century – Based on the Observations of Alexander Neckam in London and Paris“, University of Wisconsin Press, Madison, 1962
  •  Neckam, Alexander „De Utensilibus“ in: Thomas Wright (Ed.) „A Volume of Vocabularies“ „A Library of National Antiquities. A Series of Volumes Illustrating the General Archaeology and History of Out Country“ Privatdruck, 1857 (via Google Books)
Bildmaterial:
(Ich habe im Artikel natürlich nicht alle Bilder verwendet, die ich gefunden habe. In der folgenden Liste sind die oben erwähnten und einige zusätzliche Werke verlinkt.)

 

 

 

4 Gedanken zu „Versuch einer Kücheninventur – Kochutensilien im 12. Jahrhundert“

  1. Hallo Christa,
    du warst ja wieder unheimlich fleißig gewesen.
    Ich bin gerade dabei alle meine Fotos nach Küchenutensilien im „Einatz“ zu durchforsten. Da habe ich eine ähnliche Zusammenstellung wie du. Auch ein Schutzkappentopf (Replikat aus der Normandie) ist in meinem Beitz, war aber noch nicht im Einsatz.

    Auch war ich vor einiger Zeit im 12: Jahrhundert unterwegs und habe nach Quellen gesucht. Fündig wurde ich bei Alexander Neckham, der Utensilien einer Küche aufgelistet hat. In einem anderen Werk („De utensibilus“) auch für Gartenfrüchte.
    Die genaue Quelle muss ich noch suchen, aber unten ist die Zusammenfassung aus einem Text aus dem Internet.

    „Kitchen equipment compiled from Alexander Neckham in the 1100s: A net, fork, spear, light hook or basket to catch fish; Pickling mixture for fish in a pickling vat; hot water vat for scalding fowl; a pit dug to discard waste and filth; a small table to pick over vegetables; a cupboard to store spices and bread flour; pots, tripod, mortar, pestle, hatchet, stirring stick, a hook, cauldron, bronze vessel, small pan, baking pan, meathook, a griddle, small pitchers, a trencher, a bowl, a platter, a pepper mill and a handmill, and a large spoon for removing foam and scumming.“

    Bei der Übersetzung gibt es bei einigen Begriffen auch noch Unklarheiten.
    Ich hoffe die Quelle ist dir neu?!

    Liebe Grüße
    Peter

    1. Lieber Peter,
      vielen Dank für deinen netten Kommentar!
      Es ist immer schön, von dir zu hören 🙂
      An Alexander Neckam hätte ich auch selber denken können … umso besser, dass das jetzt von dir kommt. Vielen Dank dafür!
      Wenn du die Quelle findest, wärst du so lieb, mir das zu schicken? Dann baue ich das noch ein. Neue Info ist immer spannend und sehr willkommen!
      Alles Liebe
      Christa

  2. Hallo Christa,

    das nenne ich mal Fleißarbeit! 🙂
    Sehr umfangreich und informativ.
    Damit werde ich mich mal in Ruhe befassen.
    Ich finde es total spannend, welche Geräte so Verwendung fanden und sich vielleicht gar nicht so sehr geändert haben im Laufe der Jahrhunderte. (Ok, heute wird ja viel Plastik verwendet, aber ich liebe meine Holzkochlöffel..) 🙂

    Wieso lässt Du Skandinavien und Osteuropa weg? Ist da noch mehr Spannendes zu finden?
    Und Haithabu und Schleswig gehört für mich irgendwie mit zum skandinavischen Raum. Oder?
    Mein Interesse gilt doch sehr dem Norden.

    Mach weiter so. Das ist hier ja eine wahre Wissensquelle für mich Superlaie.. 🙂

    Liebe Grüße,
    Petra

    1. Hallo Petra,

      danke für das Lob 🙂
      Skandinavien (heutiges Skandinavien!) und Osteuropa lasse ich weg, weil die zeitlich etwas anders einzuordnen sind. Dort sind ‚Trends‘ die in Mittel- und Westeuropa im 12. Jhd. gelten teilweise noch nicht angekommen. Im Fall von Osteuropa kommt noch dazu, dass da weitere kulturelle Einflüsse herrschen, die das Bild ebenfalls deutlich verändern können. Es ist recht schwierig in beiden Bereichen die Einflüsse und zeitlichen Verschiebungen korrekt einzuordnen, wenn man sich in der Materie nicht sehr gut auskennt, was ich nicht tue.
      Davon abgesehen musste ich irgendwo Grenzen ziehen – sonst wäre das kein Blog-Artikel sondern eine Doktorarbeit geworden 🙂
      Aber ich freue mich, dass du meine Artikel interessant findest 🙂

      Liebe Grüße
      Christa

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