Tee. Ade!

Der mittelalterliche Mensch trank oft und viel Kräutertee.

Nein, tut mir leid, tat er nicht.

Das ist einer dieser ganz hartnäckigen Mittelaltermythen. Denn es gab ihn nicht, den Kräutertee als Genussmittel.

Eine der ganz wenigen Quellen zum Essen und Trinken im 12. Jhd ist Hildegard von Bingen. Außerdem gibt es noch Hinweise in der Dichtung und sicherlich auch noch in der einen oder anderen Schrift. Es bleibt aber dabei: Kräutertee  in unserem, modernen Sinn gibt es dort gar nicht. Lediglich in Hildegards ‚Physica‘ bin ich auf die Erwähnung von medizinisch verwendeten Kräutern in Wasser gestoßen – da wird das Wasser lediglich als Alternative zum Wein erwähnt. Und Achtung: wir sprechen immer noch NICHT von Kräuteraufgüssen als Genussmittel sondern von einem sorgsam verabreichten Medikament! *

Zum Thema Medizin sei hier aber noch erwähnt: Aus der Apotheke der Johanniter gibt es Sirupe mit Zucker und diversen Gewürzen und auch bei der Trotula sind solche Sirupe bekannt. Wobei das schon eher kritisch zu sehen ist, weil es sich erstens um Rezepte handelt, die Europa nicht oder nur vorsichtig zugeordnet werden können und weil diese Hinweise ausschließlich im Zusammenhang mit Arzneien erwähnt werden. Diese Zuweisung für Sirupe, Honigwasser und Zuckeressig gibt es auch im Liber de Coquina, wo sie der Autor sogar ganz eindeutig „am besten den Ärzten überlässt“ (Maier, Liber de Coquina, S. 35)  Es handelt sich hier also nicht um übliche Getränke. (An dieser Stelle ein Danke an die Comthurey Alpinum für den Hinweis und das Material zu den Johannitern, Zucker und Sirup im 12.!)

Das Buch „Essen und Trinken im Mittelalter 1100 – 1300“ von Anne Schulz listet folgende Getränke für das Hochmittelalter: verschiedene Formen von Bier und Wein (auch warm, oder auf verschiedene Weise gewürzt), außerdem Met, Milch und Milchprodukte, Fruchtsaft und Most.

Und dann gibt es noch ein ganz wichtiges Getränk, nämlich ganz gewöhnliches Wasser. Denn ja, egal was einem auf dem durchschnittlichen Mittelaltermarkt und leider auch in vielen Dokumentationen erzählt wird, man hat selbstverständlich auch Wasser getrunken. Nur wird das seltener erwähnt, weil es halt einfach zu gewöhnlich gewesen ist. Hildegard, zum Beispiel, empfiehlt das Trinken von Wasser, Wein und Bier, abhängig von diversen Faktoren wie Jahreszeit, Temperatur und Gesundheitszustand. Und nein, das Wasser war nicht überall verseucht und auch die Leute damals waren klug genug, ihre Wasserversorgung nicht zu verschmutzen. Das ist dann eher ein Problem der Städte und wird erst sehr viel später relevant.

Um also auf den Tee zurück zu kommen: er taucht einfach nicht auf. Und nach einer Nachfrage in der gut informierten Living History Szene dürfte das auch im restlichen Mittelalter so gewesen sein.  Das KANN ein Problem sein, weil sehr viele Leute in unserem, modernen Europa an heiße Getränke vor Allem in der Früh gewöhnt sind.  Ist es also legitim bei einer ernsthaften Darstellung Kräutertee zu servieren? Ich beantworte das mit einem klaren JEIN 🙂 Es kommt immer darauf an, wer da ist, was man macht, um welche Veranstaltung es sich handelt und wie die sonstigen Umstände aussehen.

Sprechen wir von Living History im engeren Sinne, also einer Veranstaltung, bei der auch die Darsteller so gründlich wie möglich und rund um die Uhr in die Geschichte eintauchen wollen,  dann hat da nichts etwas zu suchen, was nicht belegbar ist – auch kein Kräutertee. In diesem Fall stellt das aber auch kein Problem dar, weil die Darsteller ja freiwillig verzichten.

Haben wir es mit einer musealen Darstellung zu tun, deren Fokus auf dem Besucher liegt, ist es oft Gang und Gäbe, kleine Gewohnheiten wie das morgendliche Heißgetränke zu akzeptieren und den Darstellern Entsprechendes zu bieten.  Viele Veranstalter erlauben auch Kaffee oder Schwarztee. Allerdings ACHTUNG: wir sprechen hier von einem Frühstück, das stattfindet solange noch keine Besucher da sind! Tagsüber kommt es drauf an, ob der Fokus auf dem Essen und/oder Trinken liegt. Wenn das das Hauptthema ist, gehört natürlich ein passendes Getränk in die Krüge. Wenn nicht … nun, es gibt auch unter seriösen Darstellern den Zugang „Was in meinem Becher ist, geht niemanden was an.“

Alles in Allem gesprochen würde ICH sagen (persönliche Meinung!): Für den ernsthaften Living Historian bei einer entsprechenden Veranstaltung stellt sich die Frage ohnehin nicht. Für alle anderen würde ich sagen, dass Kräutertee als Alternative akzeptabel ist, solang man damit nicht bei den Besuchern hausieren geht. Ich mag ein paar Blättchen Pfefferminze in meinem Wasser, ob heiß oder kalt. (Auch das übrigens ein Kraut, das auch nicht unbedingt historisch korrekt ist – die heutige Pfefferminze ist eine Kreuzung, die erst im 17. Jhd aufkommt und sehr wahrscheinlich im MA noch nicht da war – es gab aber andere Minzearten bei uns im Mittelalter. Aber, um mit Michael Ende zu sprechen, das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden …)

* (Ich möchte hier darauf hinweisen, dass die Physica mit Vorsicht genossen werden muss. Die Herkunft und Überlieferung der Schrift ist komplex, weil es kein Original mehr gibt. Es sind nur Abschriften erhalten. Man weiß nicht hunderprozentig, was davon von Hildegard stammt und was später eingefügt wurde. Manche Forscher bezweifelt sogar, dass das Ganze überhaupt von Hildegard geschrieben wurde.)

3 Gedanken zu „Tee. Ade!“

  1. Bücher wurden früher als Abschriften verbreitet. Wo ist also das Problem. In Klöstern wurden Bücher 1:1 abgeschrieben. Selbst wenn es „das Original“ nicht mehr gibt ist eine Abschrift inhaltlich Gleich.

  2. Noch ein Gedankengang von mir, ob es überhaupt heiße Getränke gab, abgesehen von Luxusprodukten wie gewürztem Wein.

    Das Problem war vielleicht das heiße Wasser. Heute dreht man den Hahn auf, lässt Wasser in den Wasserkocher laufen und drückt auf den Knopf. Drei Minuten später hat man heißes Wasser.

    Wenn man mit offenem Feuer und Tontöpfen hantieren muss, sieht die Sache anders aus. Es dauert einfach vom Feuer anzünden bis zum ersten Schluck Tee. Besonders mit einen Keramiktopf statt einem viel leichter zu verwendenden Metallkessel.

    Ob man sich diese Mühe in einem Handwerkerhaushalt oder auf einem Bauernhof gemacht hätte, wo man ja weiß Gott genug anderes zu tun hatte?

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